Elīna Garanča singt Bellini, Donizetti & Rossini

Dezember 28, 2008  |  Interviews, Einspielungen  | 

Im Gespräch mit Nick Kimberley erläutert die lettische Mezzosopranistin, wie sie Figuren und Musik aus Belcanto-Opern Leben und Farbe verleiht.

Elīna Garanča ist berühmt für die Reinheit ihres Ton, die scheinbar mühelose Bewältigung selbst größter stimmlicher Anforderungen und die Breite ihres Repertoires. In der vorliegenden Sammlung widmet sie sich ausschließlich einem ganz bestimmten Stil und einer Epoche: der italienischen Oper der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Bezeichnend ist, dass dieses Repertoire bekannt ist unter dem Begriff »Belcanto« – »schöner Gesang«. Elīna Garanča hat Stücke der drei bedeutendsten italienischen Komponisten jener Zeit ausgewählt. Ihre Musik bietet wundervolle Möglichkeiten für eine moderne Mezzosopranistin mit einem Sinn für Melodramatik.

NK: Nicht jede Mezzosopranistin ist den Anforderungen des Belcanto gewachsen. Wann haben Sie gemerkt, dass dieses Repertoire Ihrer Stimme liegt?

EG: Der Belcanto begleitet mich schon seit Beginn meines Studiums. Meine erste Lehrerin am Konservatorium von Riga, eine Russin, fand, dass meine Stimme besonders geeignet für den Belcanto sei. Ich stand noch am Anfang meiner Laufbahn und konnte eigentlich nichts richtig singen, aber sie erkannte, dass Färbung und Timbre meiner Stimme zu diesem Repertoire passen.

Wie haben Sie die Stücke für diese Sammlung ausgewählt?

Die CD war lange in Vorbereitung. Das gab mir die Zeit, mich sehr gründlich mit der Musik zu beschäftigen. Ich studierte beispielsweise in einer Wiener Bibliothek verschiedene Autographen, und auch Deutsche Grammophon versorgte mich reichlich mit Musik. Ich weiß noch, dass ich einmal eine Sendung mit 20 Opernpartituren erhielt. Ich sah die Werke Seite für Seite durch, prüfte Arien, Duette und Ensembles, um herauszufinden, wie sie zu meiner Stimme passen würden. Es gibt von diesen Komponisten so viel herrliche Musik, die wir noch gar nicht kennen. Natürlich sind diese Opern oft schwierig zu besetzen. Man braucht nicht nur einen großen Sopran und Mezzosopran, sondern auch einen erstklassigen Tenor und Bass. Es gibt nicht sehr viele Sänger, deren Stimmen geeignet sind, die Stil und Tradition des Belcanto gut kennen und zudem eine Bühnenpräsenz haben.

Ist es schwierig, die Musik zum Leben zu erwecken, wenn Sie nur einen kleinen Ausschnitt aus einer Oper und nicht das ganze Werk aufführen?

Ich gehe nie mit einem Stück ins Aufnahmestudio, wenn ich es nicht vorher im Konzertsaal oder Opernhaus ausprobiert habe. Eine CD wie diese bietet die spannende Herausforderung, jeder Arie einen anderen Charakter zu geben. Schließlich hat jede Nummer bei Donizetti, Bellini oder Rossini ihren eigenen dramatischen Kontext, und in jeder Oper gibt es einen spezifischen Grund, warum eine bestimmte Arie oder ein Duett gerade an diesem oder jenem Punkt der Handlung gesungen wird. Auch wenn es auf den schönen Gesang und die schöne Linie ankommt, hat der Sänger immer noch die Möglichkeit, den unterschiedlichen Phrasen und Gefühlen Farbe zu geben. Auch das macht es so reizvoll, diese Stücke zu singen. Selbst bei einer solchen Aufnahme sollen die Zuhörer allein durch die Musik einen optischen Eindruck von den Figuren und ihren Reaktionen erhalten.

Sie singen Mezzosopran, und im Belcanto-Repertoire bedeutet das, dass Sie mitunter männliche Rollen verkörpern. Auf dieser CD gilt das beispielsweise für die Ausschnitte aus Lucrezia Borgia und I Capuleti e i Montecchi – auch in der Gesamteinspielung dieser Oper für Deutsche Grammophon haben Sie kürzlich den Romeo gesungen. Finden Sie es schwierig, Männer darzustellen?

Sobald ich das Theater betrete und das Kostüm anziehe, werde ich zu der Figur, die ich verkörpere. Ich denke nicht: »Um Gottes willen, ich muss einen Mann spielen.« Ich gehe auf die Bühne und befinde mich in den dramatischen Situationen, ich höre die Musik, ich weiß, was ich singe, und in diesem Moment bin ich Romeo oder wer auch immer. Ich beobachte gern Menschen und Situation, und während der Proben achte ich auf Eigenheiten, die mir vielleicht helfen, einen Mann glaubhaft zu spielen, das macht mir Spaß. Andererseits bin ich fest davon überzeugt, dass jede Frau eine maskuline Seite und jeder Mann eine feminine Seite hat. Es ist interessant, diesen Teil von mir auf der Bühne zu erproben, mir vorzustellen, wie ein junger Mann vielleicht in dieser Situation reagieren würde.

Welche Belcanto-Sänger der Vergangenheit bewundern Sie besonders?

Als 17- oder 18-jährige Studentin besaß ich Joan Sutherlands Aufnahme von »Casta diva« aus Bellinis Norma. Ich spielte sie bei geöffneten Fenstern in meiner Wohnung, bis die Nachbarn schrien, ich solle endlich aufhören. Bei diesen Werken sprechen natürlich alle von Maria Callas, aber meine ganz persönliche Vorliebe gilt Beverly Sills. Ein Freund hatte mehrere Belcanto-Aufnahmen von ihr, und da war etwas in ihrer Art zu singen, das mich vollkommen überzeugte. Ich fand es einfach überwältigend. Ihre Einspielung von Donizettis Anna Bolena habe ich noch heute auf meinem iPod.

Beverly Sills sang Sopran. Wären Sie auch lieber Sopranistin gewesen?

Die Versuche, meine Person und meine Stimme zu festzulegen, reißen nicht ab – ich selbst bemühe mich nicht darum, aber andere. Manche sind sicher, dass ich in einigen Jahren eine Sopranstimme haben werde. Jemand wird behaupten, dass ich ein dramatischer Sopran werde (das war Birgit Nilssons Ansicht, als sie mir 1999 bei einem Gesangswettbewerb in Finnland sagte, ich würde wahrscheinlich in ihre Fußstapfen treten und vielleicht sogar Wagner singen). Wieder andere sehen einen künftigen lyrischen Sopran in mir, eine Vorstellung, die mich wirklich überrascht. Und wenn ich ein Kind bekomme, soll angeblich meine Stimme tiefer und zu einem dramatischen Mezzo werden. Ich werde mich jedenfalls nicht unter Druck setzen. Ich will meine Stimme nicht auf einen bestimmten Typ festlegen oder versuchen, sie größer oder auch leichter zu machen. Ich akzeptiere meine Stimme so, wie sie ist, und bemühe mich, sie auf dem Weg zu führen, den sie offenbar selbst einschlägt.

12/2008


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